Der alte Mönch um Mitternacht

Der alte Mönch um Mitternacht

Der alte Mönch um Mitternacht

Genervt liege ich im Bett und drehe mich unruhig von einer Seite auf die andere. Vor etwa 15 Minuten hat es laut „Piep“ gemacht und der Strom ist ausgefallen. Das inzwischen so beruhigende, vertraute Rauschen der Klimaanlage ist verstummt und ich höre sogar die Uhr ticken. Langsam und stetig wird es wärmer im Raum. „Ich hasse dieses Land“, murmle ich vor mich hin. Eigentlich wäre ich müde, kann aber keinen Schlaf finden. Nach einer Stunde des Hin- und Herwälzens beschließe ich, mir den letzten Rest aus der Old-Monk-Flasche zu genehmigen. „Ein Schlummertrunk wird mich etwas beruhigen“, denke ich mir. In der Küche sehe ich als Erstes eine kleine Baby-Kakerlake im Spülbecken, die ich ohne Erbarmen ins Jenseits befördere.

Der indische Rum „Old Monk“ scheint nur darauf zu warten, von mir getrunken zu werden. In kleinen Schlucken genieße ich es, wie der schöne braune Rum meine Kehle hinunterfließt. Aber auch der alte Mönch hilft mir nicht, in den Schlaf zu fallen. Endlich kurz nach Mitternacht kommt der Strom zurück. Doch meine Gedanken kreisen und hören nicht auf …

Hat sich Sachin Tendulkar, der berühmte Ex-Cricketstar, botoxen lassen oder bekomme nur ich Falten in diesem Land?

Warum bezahlen wir so viel für eine schnelle Internet-Verbindung, wenn sie dann nicht funktioniert?

Ich möchte eine zentrale Klimaanlage mit Generator-Backup, sodass ich Stromausfälle gar nicht mehr bemerke.

Schäm dich Irène! Millionen von Menschen leben in diesem Land ohne Klimaanlage und ohne Ventilator und du beschwerst dich über einen kleinen Stromausfall?

Ich hasse diese Hitze! Wäre es doch nicht so verdammt heiß!

Es reicht! Ich schnappe mein Handy und spiele Candy Crush. Ein schweres Level und meine fünf Leben sind schnell ausgehaucht.

Um eins höre ich die Trillerpfeife und das Schlagen des Stocks. „DRRRR, tätsch, tätsch, …“, tönt es von der Straße her. Der Gorkha macht seine Runde. Die Gorkhas, ursprünglich nepalesische Soldaten unter britischem Dienst, arbeiten heute oft als private Sicherheitswachen. So ist auch einer in unserem Quartier unterwegs. Er macht einmal seine Trillerpfeife-Stock-Runde und von Zeit zu Zeit holt er sich von den Anwohnern sein Gehalt.

Ob dies wirklich zu mehr Sicherheit beiträgt, wage ich zu bezweifeln. Für mich ist es eher Lärmbelästigung. Doch kurz nachdem ich die Trillerpfeife nicht mehr höre, schlafe ich endlich ein. 

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