Warum ich keinen Guru brauche

Empört zeigt mir mein Liebster den Screen seines Smartphones. “Sadhguru is my Guru, he is my Shiva” steht da als Motto bei WhatsApp.

“Das ist schlicht und einfach ihre Entscheidung, was sie da als Motto postet,” erwidere ich tolerant. Mein Mann sieht dies etwas anders. “Ja, grundsätzlich schon, aber sie ist eine Influencerin, viele Menschen sehen diese Nachricht. Wie kann sie dies öffentlich posten?”

Da hat er nicht unrecht. Ich habe mir auch einige Videos von Sadhguru angeschaut. Was er von sich gibt, finde ich gar nicht schlecht. Er sagt zwar nichts Neues, bezieht sich auf die hinduistischen Lehren und er präsentiert sich wortgewandt, witzig. Einen gewissen Guru-Charme kann man ihm tatsächlich nicht absprechen. Aber reicht dies aus, um ihn als “Gott” zu verehren? Guru bedeutet nicht Gott, sondern Lehrer. Seine Bücher und seine “Lehre” sind inzwischen längst im Westen angekommen. Viele Westler pilgern auch in seinen Ashram.

Was mich beim Ganzen enorm kritisch macht, ist dieses riesige Macht- und Geld-Imperium, das hinter der Isha Foundation steht. Da weiß sich jemand enorm gut zu vermarkten und die sozialen Medien werden professionell genutzt.

Was ich echt auch nicht verstehe, ist die Tatsache, dass Gurus immer ins Ausland reisen müssen. In Indien gäbe es wahrlich genug Gutes zu tun und bei einer Bevölkerung von 1.4 Milliarden Menschen mangelt es nicht an “Kundschaft”. Da ist Sadhguru nicht der Einzige, auch “Amma”, die Heilige, die Menschen umarmt, reist immer wieder ins Ausland. In Indien scheint es nicht genug Menschen zu geben, die sie in die Arme schließen kann. Klar ist, dass dabei enorme Summen mit dem Verkauf von Merchandise-Produkten und dem Sammeln von Spenden zusammen kommen.

“Wahre Spiritualität darf nichts kosten”, meint mein Mann und ich nicke zustimmend.

Von einer Freundin weiß ich, dass Sadhguru auf seinen Reisen nur in 5-Sterne-Hotels mit vielen extra Wünschen gastiert. Braucht eine erleuchtete Seele wirklich noch diesen Luxus?

Meiner Meinung nach sollte man kritisch sein. Etwas Bedeutsames muss man auf Herz und Nieren prüfen. Unreife und Naivität sehe ich nur dort, wo man blind vertraut. Doch erleuchtete Seelen haben scheinbar auch dafür die richtige Antwort bereit:

So sagt Sadhguru:

“Wenn der Verstand unreif ist, findet er seinen Ausdruck in Form von Ablehnung. Kritik und Ablehnung wirken immer intelligenter als Akzeptanz und das Erschaffen von etwas. Immer klingt der Widerspruch intelligenter, weil sie nur kritisieren, sie tun gar nichts. Diejenigen, die etwas erschaffen, sehen nicht intelligent aus, denn wenn man etwas erschafft, wird man viele Fehler machen – einige Dinge laufen richtig, einige Dinge laufen falsch. Aber einer, der nur kritisiert, klingt plötzlich so intelligent. So gehen viele Menschen in der Welt – vor allem in den Medien – bedauerlicherweise vor. Nur sehr wenige von ihnen erschaffen wirklich etwas. Die meisten von ihnen kritisieren lediglich alles. Sie geraten in diesen Modus, in dem sie versuchen, immer eine Stufe über allen anderen zu stehen.”

4 Responses

  1. Spiritualität ist halt ein Geschäft und europäische Gurus mit ihren Motivationsseminaren und anderem esoterischem Tingeltangel machen auch eine Menge Kohle. Warum sollte das in Indien anders sein.

    Die hier von Sadhguru beschriebene Aussage zu Kritik und Ablehnung ist trivial. Eingängige Kalenderspruchweisheiten lassen sich halt gut vermarkten, im Orient wie im Oxident.

    Gönnen wir ihm seinen wirtschaftlichen Erfolg und das 5-Sterne-Hotel und sehen wir ihn als das was er ist: Ein Mensch mit der Gabe andere Menschen für sich einzunehmen.

    Begegnen wir ihm also, wie man all solchen Menschen begegnen sollte: Kritisch und mit einer guten Portion Skepsis. Liest man diesen Beitrag im Standard ist die Skepsis auch dringend angebracht:

    https://www.derstandard.de/story/2000134537210/was-star-yogi-sadhguru-in-wien-will

    Herzliche Grüsse aus der Schweiz
    http://www.derhalbhartemann.com

    1. Ja, da hast du recht. Er hat eine Gabe, andere für sich einzunehmen. Er ist wortgewandt, witzig und versteht sein Geschäft hervorragend. Wenn man ihn als geschickter Geschäftsmann sieht, dann ist dies auch für mich in Ordnung.
      Aber hier in Indien wird er von vielen als „Gott“ verehrt.

      Liebe Grüße in die Schweiz 🇨🇭 Irène

  2. Ich bin auch grundsätzlich kritisch gegenüber solchen Menschen, die anderen den goldenen Weg weisen. Ich finde jeder muss für sich entscheiden was für ihn richtig ist. Und das muss auch ohne Merchandising funktionieren.

Eine Antwort hinterlassen