Indien im Wandel

Indien im Wandel: Mein Leben zwischen 2006 & 2026

Indien im Wandel: Als ich 2006 meine Zelte in der Schweiz abbrach, war das Leben in Indien ein völlig anderes. In diesem Blogbeitrag nehme ich dich mit auf eine kleine Zeitreise. Wie haben sich der Alltag und mein Leben verändert? Was ist aus dem berühmten indischen Chaos geworden? Und wo steht Indien heute?

Hamstern, hoffen, improvisieren

Früher war alles besser! Trifft der Spruch, der so leicht über die Lippen kommt, auch auf Indien zu? Für mich persönlich muss ich dies klar verneinen. Natürlich mischen sich nostalgische Gefühle unter die Erinnerungen an meine Anfangsjahre in Indien. Doch rückblickend verklärt das Gedächtnis vieles. Die Realität war oft mühsam und anstrengend.

Indien hat sich in den letzten Jahren, vor allem in den letzten zehn Jahren stark verändert. 

Als ich 2006 meine Koffer packte und nach Indien auswanderte, waren moderne Supermärkte und Einkaufszentren Mangelware. Stattdessen prägten kleine Geschäfte und Mini-Läden das Straßenbild. 

Von Produkten, wie Tampons, Papiertaschentüchern, Bio-Produkten und vielem mehr, konnte man hier nur träumen oder man musste sehr lange nach ihnen suchen. 

Ich erinnere mich noch daran, wie verzweifelt ich nach Kinderzahnpasta mit Fruchtaroma suchte. Denn als unsere aus der Schweiz mit Erdbeeraroma zu Ende ging, rümpfte unser Sohn nur sein kleines Näschen, als ich versuchte, ihn von der “Erwachsenen-Zahnpasta” zu überzeugen.

Die Suche erwies sich schier als eine Mission Impossible. Als ich dann nach langer Zeit endlich eine mit Orangenaroma fand, kaufte ich gierig den gesamten Vorrat (drei Tuben) auf einmal. Denn man konnte nie sicher sein, wann oder ob ein Produkt überhaupt wieder verfügbar war. Wenn es also zu solchen Glückstreffern kam, hamsterte ich immer mehrere Packungen.  

Jedes Mal, wenn ich in die Schweiz reiste, kam ich mit übervollen Koffern zurück oder ich bat meine Mutter, mir bestimmte Dinge zu schicken, obwohl dies bei den hohen Portokosten kaum Sinn machte.  

Importwaren aus dem Westen waren kaum erhältlich und wenn man sie fand, waren sie enorm teuer und kosteten teilweise über das Doppelte dessen, was es in der Schweiz gekostet hätte. Oft blieben diese Kostbarkeiten so lange im Ladenregal liegen, dass das Verfallsdatum längst überschritten war oder sich Ungeziefer darin eingenistet hatte. Man musste also jede Packung genau unter die Lupe nehmen.  

Es gab zwar bereits Pasta von indischen Herstellern, aber ehrlich gesagt, war diese kaum genießbar. 

Indien im Wandel
Indien im Wandel der Zeit

Offene Märkte, hohe Zölle und neue Hoffnungen

Heute sind Importwaren problemlos erhältlich, wenn auch noch hoch besteuert. Doch das neue Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, das am 27. Januar 2026 unterzeichnet wurde, weckt Hoffnungen. Zölle auf 90-97 % des Handelsvolumens sollen gesenkt oder abgeschafft werden. Hoffentlich wird dies auch für Konsumenten in Indien zu Preissenkungen führen. 

Auch mit den USA hat man sich vor ein paar Tagen wieder zusammengesetzt und ein Zwischenabkommen vereinbart. Denn die horrenden Zölle, die Trump Indien auferlegt hatte, waren kaum mehr tragbar. 

Die USA haben die Zölle auf indische Waren von zuvor 50 % auf 18 % reduziert.  

Im Gegenzug hat Indien Zusagen gemacht, Importe aus den USA zu steigern und nach Ablauf der Verträge kein weiteres Öl aus Russland zu kaufen. 

Indien hat außerdem eine Reduzierung seiner eigenen Handelszölle für US-Industrie- und Agrarprodukte vereinbart.

Beide Regierungen zielen darauf ab, ein vollständiges, umfassendes bilaterales Handelsabkommen im März 2026 zu unterzeichnen. 

Als die Welt nach Indien kam

Ich erinnere mich auch noch an die kritischen Diskussionen darüber, ob McDonald’s in Tamil Nadu zugelassen werden sollte. Viele Politiker waren dagegen. 2008 eröffnete in Chennai die erste Filiale und weitere folgten kurz darauf. Heute sind alle da: McDonald’s, Subway, KFC, Starbucks, H&M und viele mehr. 

Relativ neu erobert auch IKEA die Metropolen Indiens. Auch zwei Filialen in Chennai sind geplant und seit einer Woche können auch Kunden in Chennai online bei IKEA bestellen. Ich gestehe, dass ich mich darüber gefreut habe und bereits einige Sachen bestellt habe. Wenn ich jedoch genauer darüber nachdenke, bin ich mir unsicher, ob dies für Indien in eine gute Richtung geht. Natürlich werden dadurch Arbeitsplätze geschaffen, auf die Indien dringend angewiesen ist, aber viele kleine Handwerker und Möbelhersteller werden dies wohl nicht überleben. Die Globalisierung ist nicht mehr aufzuhalten und schreitet auch in Indien mit großen Schritten voran.

Indien im Wandel
Indien im Wandel – Internationale Marken sind heute selbstverständlich

Als Bargeld plötzlich überflüssig wurde

Indien hat sich in den letzten Jahren technologisch enorm entwickelt. Einen starken Schub für digitale Zahlungen gab es ab 2016 durch die Bargeld-Reform der indischen Regierung. 

Am 8. November 2016 kündigte der Premierminister Modi an, dass alle 500- und 1000-Rupien-Scheine mit sofortiger Wirkung an Gültigkeit verlieren. Auf einen Schlag wurden rund 86 Prozent des Bargeldes aus dem Umlauf gezogen. 

Die Menschen hatten nur wenige Wochen Zeit, die Scheine auf der Bank einzuzahlen oder gegen neue 2000-Rupien-Scheine umzutauschen.
Die Absicht, Schwarzgeld zu vernichten und Korruption einzudämmen, gelang mit dieser Maßnahme kaum. Im Gegenteil, Banken und Geldautomaten waren wochenlang überlastet und Menschen standen stunden- und tagelang Schlange, um ihr Geld umzutauschen oder abzuheben. 

Im Vorteil waren damals jene, die eine Kredit- oder Debitkarte hatten, um digital zu bezahlen, denn Bargeld war schlicht Mangelware. Die kleinen Leute litten und viele konnten schlicht nicht arbeiten, weil niemand Bargeld hatte.
Die großen Gewinner dieser extremen Maßnahme waren digitale Zahlungsmethoden. Und hier war die Wirkung tatsächlich nachhaltig und durch die Corona-Pandemie gab es nochmals einen enormen Push. Paytm, PhonePe und Google Pay explodierten und die Menschen lernten notgedrungen, wie man QR-Codes scannt, Apps benutzt und bargeldlos bezahlt. 

Der Aufstieg von UPI wuchs rasant.
UPI steht für Unified Payments Interface. Es ist ein Echtzeit-Zahlungssystem aus Indien, das den Geldtransfer zwischen Bankkonten so einfach macht wie das Versenden einer Textnachricht.

Man kann es sich als eine Art „Super-Brücke“ vorstellen, die alle Banken und Zahlungs-Apps miteinander verbindet. 

Im Gegensatz zu einer klassischen Überweisung, bei der man lange IBANs oder Kontonummern benötigt, nutzt UPI eine VPA (Virtual Payment Address). Das ist eine einfache ID, die meistens so aussieht: “name@bankname” oder einfach deine Handynummer.

Das Geld ist innerhalb von Sekunden auf dem anderen Konto, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Es spielt keine Rolle, welche App du nutzt (z. B. Google Pay, PhonePe, Paytm) oder bei welcher Bank du bist. Alle kommunizieren über dieselbe UPI-Schnittstelle.

Jede Transaktion muss mit einer persönlichen UPI-PIN auf dem Handy autorisiert werden. Man muss keine sensiblen Bankdaten an den Empfänger weitergeben.

Im Laden, Restaurant oder sogar am Gemüsestand bezahlt man einfach, indem man einen QR-Code scannt. 

Online-Bestellungen und Rechnungen werden mit einigen einfachen Klicks direkt in der App beglichen.

UPI hat Indien geholfen, eine der weltweit führenden Nationen im Bereich des digitalen Zahlungsverkehrs zu werden. Es hat Bargeld in vielen Bereichen fast vollständig ersetzt, weil es schneller und bequemer ist als jede Kreditkarte oder klassische Bank-App. Inzwischen wird das System sogar in anderen Ländern (wie den VAE, Singapur oder Frankreich) schrittweise eingeführt.

In meinem heutigen Alltag brauche ich kein Bargeld mehr. Ich habe zwar eine kleine Notreserve bei mir, falls mal der Strom ausfallen sollte, aber ich bezahle alles nur noch mit Google Pay. Man kann wirklich überall – auch am Straßenrand – mit UPI bezahlen. Es ist wirklich unglaublich. 

Indien im Wandel
Indien im Wandel: Bargeldlos bezahlen ist normal

Als meine Selbstständigkeit brüchig wurde

Mein neues Leben 2006 war schwierig und herausfordernd. Ständige Stromausfälle, unzuverlässige Handwerker und die tropische Hitze machten mir das Leben schwer. In vielen Dingen war ich auf die Hilfe meines Mannes angewiesen. Beispielsweise hatte ich zu jener Zeit noch kein eigenes Bankkonto und mit Karte konnte man zu Beginn nicht überall bezahlen. So war ich immer auf Bargeld angewiesen. Klar war dies nicht schlimm, aber als unabhängige, eigenständige Frau aus der Schweiz kommend, fühlte es sich emotional wie ein Rückschritt in der empfundenen Selbstständigkeit an. 

Nach zwei Versuchen in Indien Auto zu fahren, gab ich auf und musste mir eingestehen, dass mich dies zu sehr stresst und ich zu ängstlich bin. Auch dies fand ich einschränkend, da meistens mein Mann für mich fuhr oder er einen Fahrer organisierte. Von Fahrdiensten wie UBER, Ola und Rapido konnte man damals nicht mal träumen. 

Ein Land der Apps

Der ganze Dienstleistungssektor hat sich durch die Digitalisierung enorm verändert. Für alles gibt es praktische Apps, wo man sich Dienstleistungen wie Fahrdienste, Reparaturen, Reinigungen, Massagen und vieles mehr mit wenigen Klicks bequem buchen kann.

Apps wie Swiggy, Blinkit, Zomato boomen und man kann sich alle erdenklichen Waren nach Hause liefern lassen und dies funktioniert so gut, dass ich meine Einkäufe praktisch nur noch online mache und meine Bestellung innerhalb von zehn bis maximal zwanzig Minuten an meiner Türschwelle entgegennehme. 

Was mich immer wieder überrascht, ist die rasante Entwicklung des Sortiments. Früher war es so schwierig, westliche Produkte wie Trockenhefe zu kaufen. Ich musste dafür immer in den Amma-Naana-Supermarkt fahren, der auf Importware spezialisiert ist. 

Doch heute bekomme ich alles bei Swiggy Instamart oder bei Blinkit. Sei es Abflussreiniger, Trockenhefe, Kosmetikprodukte, Elektronik, Bananenblätter … Es gibt wirklich alles und es scheint sich fast täglich zu verbessern! 

Straßen, Schienen und neue Geschwindigkeit

Reisen war früher oft eine Geduldsprobe. Schlaglöcher, langsame Züge und improvisierte Lösungen gehörten dazu. In den letzten zehn Jahren hat Indien massiv in sein Rückgrat investiert:

Straßen: Das nationale Autobahnnetz ist stark gewachsen, und die Baugeschwindigkeit hat sich vervielfacht. Was früher Jahre dauerte, entsteht heute in Monaten.

Schiene: Mit dem Vande Bharat Express ist ein neues Kapitel aufgeschlagen worden. Die Züge sind schneller, sauberer und spürbar moderner – ein Symbol für den Anspruch, nicht nur aufzuholen, sondern mitzuhalten. In vielen Metropolen gibt es inzwischen neue Metros, die den Bewohnern das Leben erleichtern. Hier in Chennai wird die Metro ständig ausgebaut und erweitert.

Flughäfen: Die Zahl der operativen Flughäfen hat sich seit meinem Umzug fast verdoppelt. Selbst kleinere Städte sind heute an den Luftverkehr angeschlossen.

Indien ist mobiler geworden – und das verändert alles: Wirtschaft, Arbeitsmärkte, aber auch das persönliche Lebensgefühl.

Natürlich gibt es immer noch genügend Straßen mit Schlaglöchern, aber auch hier staune ich über die Entwicklung. Die Highways sind super ausgebaut und man kommt bedeutend schneller vorwärts als früher. 

Indien Im Wandel
Indien im Wandel: Die Infrastruktur wird immer besser

Aufstieg, Konsum und neue Rollenbilder

Die indische Mittelschicht wächst – und mit ihr neue Lebensentwürfe und Möglichkeiten.

War Shopping früher oft ein Basar-Erlebnis, prägen heute riesige Malls und Online-Plattformen wie Amazon India oder Flipkart den Alltag.

Auch wenn noch viel zu tun bleibt, sehe ich deutlich mehr Frauen in Führungspositionen, im IT-Sektor und in der Startup-Szene als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. In den Städten sind viele Frauen berufstätig und dadurch finanziell unabhängiger. 

Auch beim Umweltbewusstsein sehe ich Veränderungen. Diese gehen jedoch im Vergleich eher in Babyschritten voran. Plastikverbote, Bioprodukte, Solarenergie und Nachhaltigkeit sind im öffentlichen Diskurs angekommen. Indien betreibt einige der größten Solarparks der Welt. Aber es gibt noch viel Luft nach oben. Ein riesiges Problem ist auch die Luftverschmutzung in den Metropolen. 

Der Preis des Fortschritts

Ehrlichkeit gehört zu meinem Blog und ja – nicht alles glänzt.

Metropolen wie Bengaluru, Mumbai, Delhi, Chennai … platzen aus allen Nähten. Die Luft wird schlechter, die Mieten steigen und sind für viele kaum noch bezahlbar.

Der Klimawandel ist in Indien deutlich spürbar. Immer wieder kommt es zu extremen Wetterlagen. Hitzeperioden und Dürren wechseln sich ab mit heftigen Monsunregen, Überschwemmungen und Erdrutschen. 

Zwischen Globalisierung, religiösem Nationalismus und kulturellen Traditionen ringt Indien um seine Identität, die sich verändert.  

Indien 2026 – mein persönliches Fazit

Indien im Jahr 2026 ist selbstbewusster. Es hat sich zu einem globalen Wirtschafts-Player entwickelt, der ernst genommen wird. Es ist nicht mehr nur das Land, das Dienstleistungen auslagert, sondern eines, das Innovationen exportiert – von Raumfahrtmissionen wie Chandrayaan bis hin zu digitaler Infrastruktur, die weltweit als Vorbild gilt.

Für mich als Auswanderin hat dieser Wandel viele Erleichterungen in meinen Alltag gebracht. Ich bin definitiv unabhängiger geworden, was mir wichtig ist und neue Freiheiten ermöglicht. 

Für mich hat Indien dadurch seinen Charme nicht verloren, denn neben all diesen modernen Entwicklungen gibt es immer noch das alte, chaotische Indien mit seinen vielfältigen Traditionen und Spiritualität. Altes und Neues geht Hand in Hand – und auch dies hat seinen Reiz und macht Indien so besonders. Veränderungen lassen sich nicht aufhalten – man muss sich anpassen, das Positive sehen und dabei versuchen, das Wertvolle zu bewahren. 

Was meint ihr? Ist dieser rasante Fortschritt nur Segen, oder verlieren wir dabei die indische Seele? Schreibt es mir in die Kommentare!

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