Die heilige Stadt Haridwar im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand ist einer der wichtigsten Pilgerorte für gläubige Hindus.
Der Ganges fließt hier noch unverschmutzt durch die Stadt und für Millionen von Pilgern ist es selbstverständlich an den Ghats, den gebauten Zugängen zum Fluss, ihr rituelles Vollbad zu nehmen.
Der Legende nach rührten die Devas (Götter) und die Asuras (Dämonen) mit Hilfe der Schlange Vasuki den Milchozean auf, um den Nektar der Unsterblichkeit zu gewinnen. Dhanvantari, eine Inkarnation von Lord Vishnu, trug den gewonnenen Nektar in einem runden Krug aus dem Milchozean. Doch die Götter und die Dämonen gerieten daraufhin in einen heftigen Streit und so fielen vier Tropfen des Amrits auf die Erde.
Die vier Tropfen fielen auf die Städte Prayagraj, Haridwar, Ujjain und Nashik. Aus diesem Grund sind dies ganz besondere Pilgerstätten. Zu ganz bestimmten astrologischen Zeiten und Konstellationen, die schon vor langer Zeit berechnet wurden, sollen sich die Tropfen des Amrits manifestieren. Die Pilger glauben, dass an diesen Tagen die Auflösung der Sünden und des Karmas möglich ist.
Diese wichtigen Festtage finden an der Kumbh Mela, dem Krug-Fest, statt. Die Kumbh Mela gilt als das größte religiöse Fest im Hinduismus und auf der ganzen Welt. Die vier Städte wechseln sich bei der Ausrichtung des Festes ab. Es gibt fünf verschiedene Arten der Kumbh Mela und sie finden in einem 3-, 6- und 12-Jahresrhythmus statt.
Haridwar ist für Hindus ohne Zweifel heilig.
Anfang Januar erklärte der Chief Minister von Uttarakhand, Pushkar Singh Dhami, man erwäge, den Zutritt für Nicht-Hindus in Haridwar weiter einzuschränken. Ziel sei es, die Heiligkeit der Stadt zu bewahren. Konkret wird diskutiert, bestehende Regeln, die bereits an einzelnen Ghats gelten, auf alle 105 Ganges-Ghats zwischen Haridwar und Rishikesh auszuweiten – möglicherweise auch im Hinblick auf die kommende Kumbh Mela. Die nächste große Kumbh Mela in Haridwar wird die Ardh Kumbh Mela 2027 sein, die im März und April 2027 stattfindet.
Auf den ersten Blick klingt das für viele nachvollziehbar. Wer einmal erlebt hat, wie sich spirituelle Orte in reine Kulissen für Selfies, Social Media und respektlosen Massentourismus verwandeln, versteht den Wunsch nach Schutz.
Heilige Orte verlieren ihre Stille und Ruhe oft nicht durch Gläubige – sondern durch Gedankenlosigkeit und teilweise leider auch durch respektlose und uninformierte Touristen.
Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Fragen bleiben. Ich empfand den Hinduismus immer als eine sehr offene Religion, nur in wenigen Tempeln bekam ich keinen Zutritt oder ich konnte das Allerheiligste nicht besuchen. Das fand ich natürlich immer bedauerlich, denn ich war und bin immer sehr respektvoll, wenn ich einen Tempel betrete.
Haridwar ist seit Jahrhunderten ein Ort der Begegnung. Nicht nur von Menschen mit Gott, sondern auch von Menschen untereinander. Händler, Pilger, Reisende, Asketen, Neugierige – sie alle waren Teil dieser Stadt. Auch Nicht-Hindus. Auch Suchende, die nicht genau wissen, wonach sie suchen.
Die geplanten Einschränkungen berufen sich auf historische Abkommen aus der Kolonialzeit und auf bestehende kommunale Verordnungen. Ja, bestimmte Ghats wie Har Ki Pauri waren schon früher besonders geschützt. Doch nun geht es nicht mehr um einzelne Orte, sondern um eine grundsätzliche Trennung nach Religionszugehörigkeit. Und hier wird es schwierig.
Was bedeutet es für ein Land wie Indien, das sich selbst als pluralistisch versteht, wenn der Zugang zu öffentlichen religiösen Räumen an eine Glaubensidentität geknüpft wird? Mir stellt sich auch die Frage, wie man dies bei dieser riesigen Anzahl an Pilgern und Besuchern überhaupt überprüfen und kontrollieren will. Denn die einfache Formel braune Haut = Hindu und weiße Haut = Christ stimmt in der heutigen Zeit definitiv nicht mehr zu. Wer entscheidet, wer dazugehört? Und was passiert mit Menschen, die zwar nicht hinduistisch sind, sich aber respektvoll, still und offen diesem Ort nähern?
Hinzu kommt eine weitere Ebene, über die kaum gesprochen wird: die wirtschaftliche Realität. Haridwar lebt vom Tourismus. Millionen Menschen kommen jedes Jahr – Pilger, aber auch Reisende aus aller Welt. Hotels, kleine Läden, Rikschafahrer, Straßenverkäufer, Familienbetriebe – sie alle sind Teil dieses Systems.
Ein Ausschluss ist nie nur symbolisch. Er hat reale Folgen. Es bedeutet Trennung und ermöglicht Spannungen und Konflikte.
Vielleicht braucht es weniger Verbote – sondern mehr Verantwortung.
Klare Verhaltensregeln und ein konsequentes Eingreifen bei Respektlosigkeit. Bildung statt Ausgrenzung.
Eine heilige Stadt verliert ihre Würde und Heiligkeit nicht dadurch, dass Menschen anderer Religionen sie betreten.
Sie verliert meiner Meinung nach dann, wenn Angst, Abgrenzung und politische Symbolik lauter werden als Mitgefühl. Toleranz und Respekt.
Die Diskussion um Haridwar ist deshalb mehr als eine lokale Entscheidung. Sie ist ein Spiegel dafür, wie Indien – und vielleicht wir alle – mit Vielfalt, Religion und Spiritualität umgehen wollen.
Und die eigentliche Frage bleibt offen:
Schützt man Heiligkeit wirklich, indem man Mauern zieht?