Krähen in Indien

Krähen in Indien – Verbindung zwischen Leben und Tod

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Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Großmutter auf Krähen reagierte. Für sie waren die schwarzen Vögel ein schlechtes Omen, Vorboten des Todes. „Wenn die Krähen nahe ans Haus herankommen, wird bald jemand sterben“, warnte sie oft. Obwohl dieser Aberglaube in der Schweiz wohl nicht mehr so stark ist, haben die schwarzen Rabenvögel eher ein schlechtes Image. Die lauten, oft in großer Zahl auftretenden, schwarzgefiederten Vögel, wurden lange Zeit als Aasfresser verschrien und auch in der Landwirtschaft werden sie nicht gern gesehen. 

Was bedeuten Krähen in Indien?

Krähen in Indien haben jedoch eine ganz andere Bedeutung. Sie gelten als Vermittler zu den verstorbenen Ahnen. Während einer Poojas, einer religiösen Zeremonie, werden zuerst den Göttern die Opfergaben dargebracht – direkt danach kommen die Ahnen. So kommt es, dass die Krähen, stellvertretend für die Verstorbenen, zuerst einen kleinen Teil von den leckeren Speisen kosten dürfen. Besonders an Festtagen bietet man ihnen Reis und andere Speisen an. Um sie anzulocken, ruft man laut: „KAA, KAA, KAA“ und schon kommen sie angeflogen.

Krähen in Indien
Krähen in Indien – kluge und soziale Tiere

Manche unserer Nachbarn füttern die Krähen täglich – wahrscheinlich um an ihre Verstorbenen zu denken. In meiner indischen Familie machen wir dies nur an Festtagen. Am Todestag von Prabhus verstorbener Großmutter jedoch, wird immer ihr Lieblingsgericht gekocht und nach den Göttern freuen sich die Krähen über einen kleinen Leckerbissen vom Festmahl. Es gibt übrigens in Indien 11 verschiedene Krähenarten. Wer sich dafür interessiert, findet hier ein Video dazu.

Auch im Hinduismus sind Krähen wichtig. Lord Shani, der Gott des Planeten Saturn, wird oft mit einer Krähe dargestellt. Man glaubt, dass der schlechte Einfluss des Planeten Saturns durch das Füttern von Krähen etwas abgeschwächt wird. Man versucht dadurch Shani zu besänftigen und seinen Segen zu erbitten.

Lord Shani mit seinem Transporttier, der Krähe

Als ich nach Indien kam, begann eine Krähe, mich täglich zur Mittagszeit am Küchenfenster zu besuchen. Sie krächzte laut und am Anfang habe ich mir dabei auch nichts gedacht und gar nicht darauf geachtet, denn in Chennai ist eine Krähe tatsächlich nichts Außergewöhnliches. Die Hartnäckigkeit und die Pünktlichkeit fielen mir nach einiger Zeit auf und es irritierte mich. Als ich meinen Mann darauf ansprach, erklärte er mir, dass sie mich um Futter bitten würde.  

Eigentlich finde ich das Füttern von Krähen, wie es hier üblich ist, nicht so eine tolle Sache, denn die Krähenpopulation ist hier enorm groß und andere Vogelarten werden zurückgedrängt. 

Aber „meine“ Krähe hatte damals mein Herz schließlich doch erobert und so legte ich ihr immer ein wenig Futter auf den Fenstersims. Zwei hellwache, schlaue Krähenaugen beobachteten mich ganz genau und registrierten jede Bewegung. Sie schien genau gewusst zu haben, dass bei uns ein Hund lebte, denn erst, als ich wieder im Haus verschwunden war, ließ sie sich auf dem Fenstersims nieder und begutachtete ihr Mittagessen. 

Wie überrascht war ich, als sie das Essen beim ersten Mal einfach verschmähte und wegflog. “Um Futter betteln und sich dann wählerisch aus dem Staub machen”, dachte ich etwas verärgert. 

Wie falsch ich doch lag! Denn kurze Zeit später saßen zwei Krähen auf dem Sims und machten sich über das Essen her. Krähen sind sehr soziale und intelligente Vögel und sie leben in monogamen Partnerschaften. “Meine” Krähe flog lediglich davon, um ihre Partnerin oder ihren Partner zu holen, damit sie gemeinsam das Essen teilen konnten.  

Meine Bewunderung für diese klugen, sozialen Vögel ist groß. Wenn ich meinen Dachgarten wässere, dann fallen schnell ein paar kluge Krähenaugen auf mich, d.h. auf das frische Wasser, das am Boden einige Pfützen hinterlässt. Mit einem gewissen Sicherheitsabstand wird das frische Wasser sofort getrunken. 

In Indien gibt es auch viele abergläubische Sprüche über Krähen. Beispielsweise sagt man, dass eine Krähe, die krächzt, Besuch von der Familie ankündigt und dass die Ahnen ihren Segen geben, wenn die Krähen die Opfergaben annehmen. 

Der Kindervers über die Schwarzgefiederten “One for sorrow, two for joy and three for a letter – eine für Sorgen, zwei für Freude und drei für einen Brief”, war in der Kindheit meines Mannes bedeutsam. 

Meine Begegnungen mit den Krähen in Indien haben mir gezeigt, wie bemerkenswert intelligent und sozial diese Vögel sind. Ihr ausgeprägtes Teamverhalten, ihre Treue zu ihrem Partner und ihre Fähigkeit, sich an die Menschen und ihre Gewohnheiten perfekt anzupassen, beeindrucken mich immer wieder. Hinter ihrem lauten Krächzen und ihrem wachsamen Blick steckt eine faszinierende Welt voller Kommunikation und Zusammenhalt.

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