Die Geschäfte am Straßenrand haben die Eingänge mit jungen Bananenstauden, mit Blumen- oder mit Palmblatt-Girlanden dekoriert und viele geschmückte Autos, Lastwagen und Motorräder sind heute auf den Straßen unterwegs.

Es ist Ayudha Pooja. Als Teil von Navaratri werden in Tamil Nadu, am neunten Tag, alle Werkzeuge lobpreist und gesegnet. Die Göttin Saraswati ist die Schirmherrin über diesen Feiertag, der vor allem in Südindien gefeiert wird. Sie ist die Göttin des Wissens, der Weisheit und der Künste – ein Symbol für alles, was mit Lernen, Kunst und Erziehung zu tun hat. Meistens wird sie mit einer Veena, einem traditionellen Musikinstrument, dargestellt, während sie auf einem weißen Schwan sitzt. Ihre Verehrung ist ein fester Bestandteil der Feierlichkeiten.
Für die Pooja sind Bananen absolut unerlässlich. Die Bananenpflanze steht für Fruchtbarkeit, für Neubeginn und Reichtum, denn von der Bananenpflanze kann alles verwendet werden. Die Blätter werden als Teller gebraucht, der Stamm, die Früchte und auch die Blüten werden gegessen.
Das Wort “Ayudham” bedeutet in Tamilisch Waffe, Werkzeug. In den meisten Familien werden die wichtigsten Gebrauchsgegenstände gereinigt, poliert und anschließend bekommen die Dinge während der Pooja (Lobpreisung) ein Tilak (Segnungszeichen) mit einer Sandelholzpaste und rotem Kumkum-Pulver. Größere Dinge wie Autos, Motorräder werden oft auch mit Blumengirlanden oder kleinen Bananenstauden dekoriert.
Während der Pooja geht der Hausherr oder die Hausherrin mit einem Deepa-Aradhana (Deepa= Flamme, Aradhana= Umkreisung), einem Messinggefäß mit einer kleinen Flamme, im Haus umher und umkreist mit der Flamme alles, was im Haus von Bedeutung ist. Dabei wird immer eine kleine Glocke geläutet.
Die Wasserpumpe, der Sicherungskasten, der Mixer, die Nähmaschine, der Fernseher, der Computer, der Kochherd, der Kühlschrank, der Schmucktresor, die Waschmaschine … alle diese selbstverständlichen Dinge, die uns den Alltag ungemein erleichtern, rücken ins Zentrum und werden gesegnet und lobpreist.
Auch die Schulbücher und Stifte der Schulkinder und Studenten liegen beim Hausaltar und werden gesegnet.
In jeder Berufsgruppe sieht die Ayudha Pooja etwas anders aus. Soldaten und Polizisten segnen ihre Waffen, Handwerker ihre Werkzeuge, Schüler und Studenten ihre Bücher und Stifte, Rikschafahrer ihre Tuk-Tuks, …
Bei meinem Mann auf der Baustelle werden immer alle Werkzeuge gereinigt und die Baustelle wird aufgeräumt und dekoriert. Jeder Arbeiter zerschlägt in einem kleinen Ritual einen gesegneten Backstein in zwei Teile und der Bauherr wird mit einem Schal geehrt. Danach bekommen alle Arbeiter und Arbeiterinnen Früchte, Süßigkeiten und einen Batzen, der dem Tageslohn entspricht.


In vielen Tempeln werden spezielle Zeremonien angeboten. Hier bringen Gläubige nicht nur Werkzeuge oder Fahrzeuge, sondern auch Geräte aus ihren Berufen, wie landwirtschaftliche Geräte oder Musikinstrumente, zur Segnung mit. Diese Tempelrituale werden oft von einer großen Gemeinschaft besucht, und die festliche Stimmung wird durch Trommeln, Gesänge und Gebete untermalt.
In städtischen Regionen Indiens haben sich die Rituale natürlich an den modernen und technologischen Lebensstil angepasst. So werden auch Laptops, Handys, Lesegeräte für Kreditkarten und so weiter gesegnet. Auf dem Land bleibt die Ayudha Pooja oft traditioneller und konzentriert sich auf landwirtschaftliche Werkzeuge und Haushaltsgegenstände.
Oft feiern nicht nur Hindus Ayudha Pooja. In südindischen Bundesstaaten wie Tamil Nadu, Kerala und Karnataka nehmen auch Menschen anderer Religionen daran teil, da das Fest als kulturelle Tradition wahrgenommen wird. Es steht für Respekt vor Arbeit, Werkzeugen und der Umwelt – Werte, die universell sind.
Ich finde, dass in der heutigen, schnelllebigen Zeit viele Dinge als selbstverständlich wahrgenommen und gebraucht werden. Oft wertschätzen und achten wir die kleinen Selbstverständlichkeiten zu wenig und vergessen, wie abhängig wir eigentlich von ihnen sind.
Daher finde ich die Ayudha Pooja ein wunderbares Fest, das uns die Dankbarkeit und die Wertschätzung für das Einfache in unserem Alltag wieder ins Bewusstsein ruft.
Mehr Informationen über Navaratri findest du hier.
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