Der Goldesel-Effekt

Der Goldesel-Effekt in Indien: Warum Weiß immer noch als „königlich“ gilt

Liebe Leser und Leserinnen

Der Goldesel-Effekt-Artikel habe ich ursprünglich 2019 geschrieben. Da er meiner Meinung nach nichts an Aktualität verloren hat, habe ich ihn überarbeitet und neu veröffentlicht. Er wird wahrscheinlich nicht allen gefallen, da er dem typischen Touristen eine andere Sichtweise aufzeigt. Der Artikel zeigt jedoch meine persönliche Haltung und Erfahrung.

Der Goldesel im Märchen „Tischlein deck dich“ hat mich immer besonders beeindruckt. Schnell „bricklebrit“ flüstern, schon scheißt das Eselchen Goldtaler. Wer hätte nicht gerne so ein Grautier im Stall oder sogar im Haus? Und was könnte man nicht alles von diesem Gold kaufen?

Der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud setzte zu seinen Lebzeiten wahrscheinlich nie einen Fuß auf indischen Boden. Ansonsten hätte er wohl den Bricklebrit-Komplex oder den Goldesel-Effekt in seinen Schriften erwähnt.

Ich leide jedenfalls darunter! Und je älter ich werde, desto schlimmer wird es irgendwie. Überall, wo ich hinkomme, meinen die Leute, dass ich Gold scheiße oder sogar unter goldener Diarrhö leide. 

Komme ich daher, steigen die Preise rapide an, denn die weiße Maharani aus dem fernen Helvetien hat ja mehr als genug.

Natürlich hat es auch seine Vorteile, wenn man in den Genuss königlicher Verehrung kommt. Man wird bevorzugt und freundlicher behandelt. 

Auch werde ich überall wiedererkannt. In Indien kommt Weiß definitiv vor Braun. So werde ich manchmal in einer langen Warteschlange einfach durchgewunken oder der Manager kümmert sich höchstpersönlich um mich. 

Doch meine Wertvorstellungen legen sich bei solchen Sonderbehandlungen quer und mir sträuben sich die Nackenhaare. Warum soll ich schneller bedient werden? Das ist ungerecht und unfair. Das ist sogar rassistisch! Obwohl ich nicht gerne in der Schlange stehe, lehne ich inzwischen die Bevorzugungen dankend ab. 

Oft ernte ich erstaunte Blicke und manchmal sehen mich die Wartenden auch anerkennend an.

Auch weiße Touristen sind, wenn sie nicht gerade wie Hippies rumlaufen, oft von dieser königlichen Aura umgeben. Nach der Indienreise schwärmen die meisten von der indischen Gastfreundlichkeit und Zuvorkommenheit, die sie erleben durften. 

Der Goldesel-Effekt lässt grüßen! Und da man so nett behandelt wird und der Service so ausgezeichnet ist, scheißt das ausländische, touristische Goldeselchen auch brav seine Goldmünzen in indischer Währung. 

Die Schattenseiten der Farbhierarchie

Doch jede königliche Verehrung wirft lange Schatten – und die fallen in Indien nicht zufällig auf dieselben Menschen.

Dass der nette, zuvorkommende Inder die Angestellten unter ihm oft wie der letzte Dreck behandelt, bekommt der Gast selten mit.

Wie kann eine Nation, die jahrzehntelang von den Briten unterdrückt und ausgenommen wurde, die weiße Hautfarbe immer noch so bewundern?

Der Goldeseleffekt
Aus einem alten Lernbuch in Indien

Weiß vor Braun, Braun vor Dunkelbraun und Dunkelbraun vor Schwarz. Wie tief verankert und zerstörerisch dieses Denken ist, zeigt sich bis heute.

Auch in der indischen Kosmetikindustrie lässt sich dies erkennen. Die bekannteste Creme „Fair & Lovely“ wurde 2020 in „Glow & Lovely“ umbenannt, nachdem der Begriff „Fair“ zunehmend als rassistisch kritisiert wurde. Die Namen änderten sich – die aufhellenden Inhaltsstoffe blieben.

Mit hellerer Haut hat man auch auf dem Heiratsmarkt bessere Chancen. Bollywood reproduziert dieses Ideal seit Jahrzehnten – helle Haut steht für Heldentum, dunkle Haut für Bedrohung oder moralische Abweichung.

Obwohl in Indien das Kastensystem offiziell abgeschafft wurde, denken die Menschen immer noch in Kasten. Gut, das Kästchen- oder Schubladen-Denken findet sich überall auf der Erde, aber in Indien ist es doch sehr ausgeprägt.

Ich war so geschockt, als ein mit uns befreundeter Brahmane, der sowohl in den USA und in England gelebt hat, meinem Mann gegenüber erwähnte, dass er eine private Krankenversicherung abgeschlossen habe. Schon die Vorstellung, mit Menschen aus sogenannten „unteren Kasten“ das Zimmer zu teilen, würde ihn ekeln.

Ich konnte fast meinen Ohren nicht trauen, hatte ich diesen Mann doch weltoffen, aufgeschlossen, gebildet und durchaus sympathisch erlebt.

So denken insgeheim eben doch viele Inder und Inderinnen. Menschen aus sogenannten unteren Kasten werden oft immer noch abgewertet und teilweise wie Abschaum behandelt. Auch werden Ehen innerhalb derselben Kaste arrangiert.

Ich will mich nicht beklagen. Mein Mann kassierte in der Schweiz oft andere Blicke. Missmutige, unfreundliche und verächtliche Blicke. „Was tust du hier, du Ausländer?“-Blicke. Erst wenn er in seinem hervorragenden Deutsch gesprochen hat, bekam er Anerkennung und Respekt.

Da bin ich mit dem Goldesel-Effekt doch gesegnet!

So bleibt das Eselchen wohl erst einmal im Stall – auch wenn ich mir manchmal wünschte, das Zauberwort “Bricklebrit” würde einfach seine Wirkung verlieren, damit wir uns alle endlich auf Augenhöhe begegnen können.

Wie sind deine Erfahrungen in Indien? Kennst du den Bricklebrit-Effekt auch – oder hast du ihn ganz anders erlebt?

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