Liebesheirat in Indien

Im weißen Sari: Wenn die Liebesheirat in Indien auf Tradition trifft

Liebesheirat in Indien: Aus meinem Tagebuch vom 15. Juni 2018

Die Mutter des Bräutigams macht auf jedem Bild ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Nur auf einem einzigen Gruppenfoto ziehen sich ihre Mundwinkel minimal nach oben. Die Hochzeit ihres Sohnes scheint sie nicht gerade zu beglücken – und das, obwohl die wunderschöne Braut in ihrem weißen Sari auf jedem Foto strahlt und der Bräutigam voller Stolz an ihrer Seite steht. Ein Paar, das sich sichtlich gesucht und gefunden hat.

Ein Fotoalbum voller Geschichten

Liebesheirat in Indien
Eine Liebesheirat in Indien – oft eine Herausforderung

Während mein Sohn Suriyan am Boden mit den alten Spielsachen der Braut spielt, sitze ich mit Shila, unserer Nachbarin, am Tisch. Wir blättern durch das dicke Fotoalbum der Hochzeit ihrer älteren Tochter. Es ist eine Liebesheirat in Indien – in einer Gesellschaft, in der arrangierte Ehen oft noch der Standard sind, immer noch ein mutiger Schritt. Shilas Tochter hat einen Brahmanen geheiratet; heute leben die beiden in den USA.

Wie so oft bei indischen Hochzeiten wurde an nichts gespart. Man sieht sofort: Hier treffen zwei Familien aufeinander, die nicht an Geldmangel leiden. Mit mütterlichem Stolz deutet Shila auf die Gesichter: „Das ist ihre Freundin aus den USA, das ist sein Onkel aus Mumbai – er ist Arzt –, das ist meine Schwester mit ihrer Familie aus Kerala…“

Horoskope vs. Herzklopfen

Die Zeremonie war eine christliche Hochzeit, da die Braut Christin ist. Für die traditionelle hinduistische Hochzeit, die den Eltern des Bräutigams sicher lieber gewesen wäre, wurde schlicht kein „passendes Datum“ mehr gefunden. In Indien werden solche Termine oft akribisch anhand der Horoskope des Brautpaares berechnet, um den perfekten Start in die Ehe zu garantieren.

Ich erfahre diese Details wohl nur, weil ich als Ausländerin eine neutrale Zuhörerin bin und selbst nicht traditionell geheiratet habe. Shilas Schwiegersohn ist ein Einzelkind und gehört als Brahmane der höchsten Hindukaste an. Dass seine Eltern eine arrangierte Ehe mit einer gläubigen Brahmanin bevorzugt hätten, liegt auf der Hand. Aber die Macht der Liebe war stärker!

Eigentlich wollte das Paar nur standesamtlich heiraten, doch damit konnten sie sich gegen den Druck der Familien nicht durchsetzen.

Die ungewisse Zukunft

„Wenn erst ein Enkelkind unterwegs ist, wird sicher alles besser“, versuche ich Shila aufzumuntern. Sie ist eine offene Frau, die sich nicht hinter ihrem christlichen Glauben verschanzt. Doch sie schüttelt nur den Kopf.

„Dann werden die Probleme erst richtig anfangen“, entgegnet sie ernst.

Es ist die Realität einer Liebesheirat in Indien: Der Kampf um Anerkennung endet oft nicht mit dem Ja-Wort, sondern setzt sich in der Erziehung der nächsten Generation fort.

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Namaste, ich bin Irène!
Ich lebe inzwischen seit über 17 Jahren ich in meiner Wahlheimat Indien. In dieser Zeit habe ich die indische Kultur lieben und schätzen gelernt. Auf meinem Blog teile ich mein Insider-Wissen mit dir, damit du Indien authentisch, sicher und voller Respekt entdecken kannst. Hast du Fragen?
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