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Inhalt
- Kastensystem und moderne Partnersuche
- Update für die Tradition: Der elterliche Filter im 21. Jahrhundert
- Mitgift, finanzielle Belastung und der Frauenmangel
- Wichtige demografische und soziale Kennzahlen (aktuelle Schätzungen)
- Ehe im Wandel – Ungleichheit bleibt bestehen
In Indien ist das Thema Ehe oft eng mit Tradition und familiären Erwartungen verknüpft. Während in städtischen Gebieten Liebesheiraten zunehmend an Beliebtheit gewinnen, bleibt die arrangierte Ehe in Indien die vorherrschende Form. Schätzungen zufolge werden noch immer rund 80–90 Prozent der Ehen ganz oder teilweise arrangiert.
Die Sonntagszeitungen sind gefüllt mit Heiratsanzeigen, in denen junge Frauen und Männer nach potenziellen Partnern suchen. Die Kriterien hierfür sind oft vielschichtig und spiegeln gesellschaftliche Präferenzen wider: Ein finanziell gut gestelltes Elternhaus, eine möglichst helle Haut, eine gute Ausbildung und vielversprechende Jobaussichten, insbesondere im Ausland, erhöhen die „Chancen“ auf dem Heiratsmarkt.
1. Kastensystem und moderne Partnersuche
Obwohl Diskriminierung aufgrund der Kaste laut indischer Verfassung verboten ist, bleibt die Kaste als soziales Ordnungsprinzip, besonders bei der Partnerwahl, tief verwurzelt. Heiratsinserate sind nach Religion und Kaste gegliedert, was die Suche nach einem Partner innerhalb der eigenen sozialen Gruppe erleichtert. Neben traditionellen Methoden kommen heutzutage auch moderne Medien zum Einsatz: Dating-Apps und spezialisierte Webseiten sind gefragte Plattformen für die Partnersuche.
Ein prominenter Akteur in diesem Bereich ist die Firma Bharat Matrimony, die sich auf die Ehevermittlung spezialisiert hat. Sie bietet auch Dating-Events an, bei denen Interessenten, oft begleitet von ihren Eltern und mit einer Horoskopzeichnung unter dem Arm, sich an Tischen, die nach Kastenzugehörigkeit geordnet sind, unverbindlich treffen können.
Wenn sich beide Parteien interessieren, werden die Horoskope von einem Astrologen verglichen und bewertet. Bei einer günstigen Konstellation werden die Familien und zukünftigen Eheleute näher geprüft, Besuche arrangiert und Verhandlungsgespräche geführt. Wenn alle Parameter passen, kommt es zur Planung der Verlobung und anschließend zur Hochzeitsfeier.
Auch Heiratsvermittler haben in Indien immer noch zu tun. In der Netflix-Serie “Indian Matchmaking” (Indische Partnervermittlung) verkuppelt die Heiratsvermittlerin Sima Taparia indische Singles aus der höheren Mittel- und Oberschicht. Auch bei ihrer Arbeit fehlen Horoskope, Astrologen und Wahrsager nicht, um passende Singles zusammenzubringen. Diese Serie bietet einen spannenden Einblick in die heutige moderne Partnersuche in Indien.
2. Update für die Tradition: Der elterliche Filter im 21. Jahrhundert
Die Grenze zwischen „Liebesheirat“ und „arrangierter Ehe“ verschwimmt zunehmend. Heutzutage besitzen junge Menschen ein Mitbestimmungsrecht; es ist ein moderner Kennenlernprozess mit einem „elterlichen Filter“. Dass Paare sich vor der Hochzeit nicht kennenlernen dürfen, gehört längst der Vergangenheit an. Wenn die Chemie stimmt, wird telefoniert und sich getroffen – oft entwickeln sich dabei echte Gefühle.
Mein Sohn brachte es neulich auf den Punkt: „Das ist wie eine Kennenlern-App, die von den Eltern wohlwollend gesteuert wird. Eigentlich keine schlechte Idee, denn die Eltern kennen ihre Kinder meistens am besten.“
Während man im Westen oft die Nase rümpft und die arrangierte Ehe in Indien mit Zwang gleichsetzt, verfolgen die meisten Eltern schlicht das Ziel, das Glück ihres Kindes zu ermöglichen. Doch eines ist klar: Eine Garantie für eine erfolgreiche Ehe gibt es weder beim Arrangement noch bei der Liebesheirat.
3. Mitgift, finanzielle Belastung und der Frauenmangel
Trotz des Verbots der Mitgift ist es in Indien noch immer üblich, dass die Familie der Braut erhebliche finanzielle Beiträge zur Hochzeit leistet. Diese „Hochzeitsgaben“ können mehrere Jahreseinkommen umfassen und stellen für viele Familien, insbesondere solche mit mehreren Töchtern, eine enorme Belastung dar.
Hinzu kommt, dass die Tochter nach der Heirat traditionell das Elternhaus verlässt und bei den Schwiegereltern lebt, während ein Sohn im Elternhaus bleibt und für die Altersvorsorge verantwortlich ist.
Die Geschlechtsbestimmung mittels Ultraschall ist in Indien mittlerweile streng verboten und mit hohen Strafen belegt. Dennoch kommt es immer noch zu illegalen Abtreibungen weiblicher Föten, und in ländlichen Regionen sterben viele weibliche Säuglinge durch „Unfälle“.
Dies hat zu einem deutlichen Männerüberschuss geführt. In Haryana beispielsweise kamen laut der Volkszählung von 2011 nur 877 Frauen auf 1000 Männer.
In Tamil Nadu hingegen ist das Verhältnis recht ausgeglichen, was auch auf ein Programm zurückzuführen ist, das bedürftigen Familien bei der Geburt eines Mädchens finanzielle Unterstützung bietet. Einmalige Spareinlagen, monatliche Beiträge für die Ausbildung und zusätzliche Zahlungen bei der Hochzeit sowie Gold sollen die Position von Mädchen stärken.
4. Wichtige demografische und soziale Kennzahlen (aktuelle Schätzungen)
In den vergangenen Jahren lässt sich beim Geschlechterverhältnis in Indien eine leichte, aber erkennbare Verbesserung beobachten. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass Fortschritte vor allem in den Bereichen Bildung und politische Mitbestimmung erzielt wurden, während wirtschaftliche Gleichstellung und demografische Balance weiterhin große Herausforderungen darstellen.
Geschlechterverhältnis: Für das Jahr 2025 gehen aktuelle Schätzungen von 743–754 Millionen Männern (51,6 %) und 691–709 Millionen Frauen (48,4 %) aus. Damit kommen rechnerisch etwa 106 Männer auf 100 Frauen. Insgesamt wird ein Überschuss von rund 45 Millionen Männern angenommen.
Erwerbsbeteiligung: Trotz wachsender Bildungsabschlüsse bleibt die wirtschaftliche Teilhabe von Frauen deutlich geringer. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen liegt bei etwa 32,8 %, während sie bei Männern 77,1 % beträgt.
Bildung und Alphabetisierung: Im Bildungsbereich zeigen sich positive Entwicklungen:
- Die Abschlussquoten der Sekundarstufe I sind nahezu gleich hoch: 88 % bei Jungen und 88,3 % bei Mädchen (Stand: 2024).
- Bei der Alphabetisierung Erwachsener besteht jedoch weiterhin eine Lücke: 74,9 % der Frauen gelten als alphabetisiert, gegenüber 88,3 % der Männer.
Politische Teilhabe: Auch im politischen Bereich ist eine Annäherung erkennbar. Die Wahlbeteiligung von Frauen lag 2024 bei 65,8 % und näherte sich damit zunehmend der Beteiligung von Männern an.
Unternehmertum: Ein wachsender Bereich weiblicher Teilhabe ist das Unternehmertum. Bis 2024 stieg die Zahl der Start-ups mit mindestens einer Geschäftsführerin auf 17.405.
Regionale Unterschiede: Trotz dieser Fortschritte bestehen erhebliche regionale Unterschiede. Besonders niedrige Geschlechterverhältnisse (Frauen pro 1.000 Männer) weisen unter anderem die Bundesstaaten Haryana, Punjab, Uttar Pradesh, Gujarat, Maharashtra und Madhya Pradesh auf.
5. Ehe im Wandel – Ungleichheit bleibt bestehen
Die Ehe in Indien steht exemplarisch für das Spannungsfeld zwischen tief verwurzelten Traditionen und einem langsamen gesellschaftlichen Wandel. Arrangierte Ehen, Schönheitsideale, Kastendenken und Mitgiftpraktiken prägen weiterhin den Alltag vieler Familien, auch wenn Urbanisierung, Bildung und wirtschaftliche Entwicklung neue Handlungsspielräume eröffnen. Die aktuellen demografischen Daten zeigen zwar erste Verbesserungen im Geschlechterverhältnis und bei der gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen, doch regionale Unterschiede und strukturelle Ungleichheiten bleiben erheblich.
Besonders in einigen nördlichen Bundesstaaten ist der Männerüberschuss weiterhin Ausdruck historischer Benachteiligung von Frauen. Ob sich bestehende Muster langfristig auflösen, hängt weniger von Gesetzen allein ab als von einem nachhaltigen Umdenken in Familien, Gemeinschaften und Institutionen.
Der Wandel ist spürbar, vor allem in den großen Metropolen, doch auf das gesamte Land betrachtet verläuft er weiterhin langsam und ungleichmäßig.
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Namaste, ich bin Irène! Seit über 17 Jahren lebe ich in meiner Wahlheimat Indien. In dieser Zeit habe ich die indische Kultur lieben gelernt. Auf meinem Blog teile ich mein Insider-Wissen mit dir, damit du Indien authentisch, sicher und voller Respekt entdecken kannst. Hast du Fragen? Schreib mir einfach einen Kommentar! |