Die drastischen 50-Prozent-Zölle, mit denen der US-Präsident die indische Exportwirtschaft belegt hat, ist seit Tagen ein aktuelles Thema. Die hochgelobte Freundschaft zwischen Trump und Modi gerät dadurch stark ins Wanken

Zwei Jahrzehnte lang haben die USA und Indien ihre strategische Nähe gepflegt und Indien entwickelte sich in den Augen der USA immer mehr zu einem verlässlichen Handelspartner, der auch als Gegengewicht zu den US-Handelsbeziehungen mit China eine große Rolle spielte.
Narendra Modi verstand es, eine persönliche Freundschaft mit Trump aufzubauen und zu pflegen. Wie “Best Buddies” zeigten sie sich vor den Medien Hand in Hand. Doch diese Freundschaft steht nun wohl auf der Kippe.
Ich erinnere mich noch gut an die Bilder, als Modi seine grossen Auftritte in den USA feierte und als Trump 2020 im grössten Cricketstadion der Welt in Ahmedabad königlich empfangen wurde. “Namaste Trump”, begrüßten rund 100’000 Inder und Inderinnen den US-Präsident begeistert. Das war definitiv ein symbolträchtiger Höhepunkt der damaligen US-indischen Freundschaft.
Heute jedoch liest man Schlagzeilen, dass Modi angeblich gleich mehrmals nicht ans Telefon ging, als Trump ihn sprechen wollte. Offiziell bestätigt ist das nicht, aber allein die Tatsache, dass seriöse News-Medien darüber berichten, sagt viel über den derzeitigen Zustand der Beziehungen aus.
Bereits die kriegerische Eskalation mit Pakistan im Mai dieses Jahres kühlte die Beziehung zu den USA bedeutend ab. Trump schrieb das Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen seinem diplomatischen Verhandlungsgeschick zu. Modi hingegen sah den Erfolg in Indiens militärischer Stärke.
Auf die Zölle von Washington reagierte Modi ungewöhnlich deutlich. Normalerweise wählt er eher diplomatische Formulierungen, diesmal aber sprach er Klartext. Er nannte die amerikanische Haltung „unfair und ungerecht“ – und warf dem Westen sogar Scheinheiligkeit vor: Während Indien für seine Energiepolitik bestraft werde, betrieben viele westliche Länder selbst weiterhin regen Handel mit Russland.
Am Unabhängigkeitstag am Roten Fort rief er dazu auf, sich nicht von anderen abhängig zu machen: „Wenn man zu abhängig von anderen ist, schwindet die Freiheit – und das ist ein Zustand, den wir nicht akzeptieren.“
Hier in Indien kommt dieser Ton gut an. Viele Menschen spüren den Widerspruch: strategische Freundschaft mit den USA auf der einen Seite – Strafmaßnahmen und wirtschaftlicher Druck auf der anderen.
In Delhi spürt man die Nervosität. Offiziell betont die Regierung, Indien sei widerstandsfähig genug, um auch 50-Prozent-Zölle zu verkraften. Gleichzeitig gibt es bereits Gegenmaßnahmen, beispielsweise Steuererleichterungen für Exporteure. Auch versucht die indische Regierung proaktiv Handelsbeziehungen zu anderen Nationen aufzubauen. Es wurden Abgeordnete in 40 Länder geschickt, um neue Handelsoptionen aufzubauen.
Während die Beziehung zu den USA bröckelt, sucht Modi demonstrativ neue Partner – auch dort, wo das Verhältnis lange eisig war. Ende August plant er erstmals wieder einen Staatsbesuch in Peking – ein besonderer Schritt nach all den Grenzkonflikten. Auch Russland bleibt ein wichtiger Handelspartner, Präsident Putin wird bald in Indien erwartet.
In Tamil Nadu, dem südindischen Bundesstaat, in dem ich lebe, ist man sehr besorgt. Denn die wirtschaftlichen Beziehungen in der Textil-, Auto-, und in der IT-Industrie sind stark von den US-Zöllen betroffen.
Viele Inder haben in den letzten Jahren auf die USA gesetzt, gerade junge Menschen, die dort studieren oder arbeiten wollen. Nun fragen sich viele, wie verlässlich Amerika als Handelspartner unter der Präsidentschaft von Donald Trump noch ist.
Die Weltordnung kommt in Bewegung. Indien und auch viele andere Länder müssen – und werden – sich neue Optionen suchen und neue Handelswege schaffen. Vielleicht ist das auch eine Chance: Weniger Abhängigkeit von einem einzigen Partner und mehr Diversität in den internationalen Beziehungen.
Klar ist: Die wirtschaftlichen Spannungen mit den USA werden wohl noch eine Weile andauern, und dies nicht nur in Indien.